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Leben mit der Braunkohle. Umsiedlungen im rheinischen Braunkohlerevier. (Arbeitstitel)

Projektleitung: Valeska Flor
Dissertationsprojekt

"alarmbereit wir, die kurz eingeglitzerten Sedimente
der Erdgeschichte, wir atmeten Staub, fraßen Staubgardinen,
die in den Geisterdörfern noch immer hinter vernagelten
Fenstern hingen, wir wanderten langsam die Abbruchkante entlang
wie die umgesiedelten Friedhöfe. aus neuen Schläuchen stieg
weißer Niesel, beschwichtigende Berieselung – Mondlandschaft
verschlang uns die Sprache."
Marion Poschmann (2011)

Marion Poschmann fasst in diesem 2011 erschienenen Gedicht Jülich – Grevenbroich – Erkelenz ihre Gedanken über die Mondlandschaft Tagebau zusammen. Sie vermittelt in wenigen Zeilen Melancholie und Unverständnis, die mit dem Braunkohleabbau und dessen Folgen einhergehen und die einigen tausend Menschen im Braunkohlenplangebiet – den Umsiedler_innen und Anrainer_innen der Tagebaue – wohl aus der Seele sprechen. Resignation und das Unvermögen etwas gegen Tagebaue unternehmen zu können, sind ebenfalls Reaktionen, die durch das Lesen des Gedichts hervorgeholt werden. Dieses Unvermögen dem Tagebau aktiv entgegenzuwirken zu können und somit in eine gezwungene Passivität gedrängt zu werden, ist u.a. Thema meiner Dissertation. Denn das Leben mit der Braunkohle gehört für die Bewohner_innen des Rheinischen Braunkohlereviers zur Realität. Anders als beim Bergbau untertage, bringen die hier betriebenen Tagebaue wesentlich größere, auf den ersten Blick sichtbare Veränderungen mit sich. Sie betreffen nicht nur Landschaft, Dörfer, Wälder und Straßen. Vor allem kommt es auch im sozialen und kulturellen Umfeld der Abbaugebiete zu massiven Einschnitten in den Alltag der Bewohner_innen. Die mit dem Abbau der Kohle einhergehenden Ortsumsiedlungen stellen für die Betroffenen einen gravierenden Eingriff in ihre Lebensplanung dar. Neben Abschied von Haus und Hof, haben Umsiedlungen vor allem eine Veränderung des gewohnten Sozialgefüges und eine tiefgreifende Erschütterung der regionalen Identität zur Folge, die durch die Aussicht, dass die „Heimat“ in naher Zukunft dem Erdboden gleich gemacht werden wird, noch eine Steigerung erfährt. Wie gehen die Menschen im Braunkohlerevier nun mit diesen Aspekten um, wo finden sie einen Ausgleich?
Kompensation für diese Einschnitte in die alltägliche Lebenswelt finden die Umsiedler_innen u.a. durch symbolisch aufgeladene „Erinnerungsstücke“, die in den Neu-Orten in meist repräsentativer Weise einen Platz erhalten. So finden nicht nur Einrichtungsgegenstände – wie Fenster und Taufbecken der Kirchen oder Möbel der Privathäuser einen Platz im neuen Ort, auch Friedhöfe werden umgebettet und Wegkreuze, Mühlen und ganze Häuser werden transloziert. Diesen „Erinnerungsstücken“ kommt besondere Bedeutung zu, sie stellen eine Objektivierung der immateriellen Werte dar, die gemeinsam mit dem Alt-Ort abgebaggert werden. Die Translozierung oder Mitnahme vertrauter Gegenstände, die über ritualisierte Handlungen im neuen Dorf ein zweites Leben als Erinnerungsobjekte erhalten, stellt eine Strategie zur Bewältigung der mit den Umsiedlungen verbundenen, traumatischen Verlusterfahrungen dar. Eine weitere Strategie ist das Erzählen: Die Umsiedler_innen reden mit Freunden und Bekannten, anderen Umsiedler_innen, mit Journalist_innen und Wissenschaftler_innen; allgemein wird versucht eine Öffentlichkeit herzustellen, die die Position der Umsiedler_innen im Gegensatz zur Position der Befürworter_innen von Braunkohletagebauen darstellt. Umsiedlung und die mit einher gehenden Verlusterfahrungen der Umsiedler_innen müssen nach außen getragen und als „aktive“ Plattform für die Auseinandersetzung mit dem Erlebten genützt werden.
Aus der Perspektive der Europäischen Ethnologie werfen diese Prozesse – die Mitnahme bzw. das Translozieren von „Erinnerungsstücken“, das Organisieren und Teilhaben an Ritualen, ritualisierten Handlungen und das Selbstbestimmte Erzählen über das Erlebte – ein Bündel von Fragen auf, denen in meiner PhD-Studie nachgegangen werden sollen.

 

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