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„… und was macht man dann damit?“

Ein Erfahrungsbericht aus dem Museum von Annette Allerheiligen


wasmachtmandamit
 

Jede_r Student_in der Kulturanthropologie musste diese Frage wohl schon unzählige Male über sich ergehen lassen. Manchmal stellen die Menschen sie aus echtem Interesse, manchmal schwingt aber auch ein gewisser Unterton mit. Ich selbst habe darauf schon diverse Male mit: „Also ein klassischer Arbeitsbereich ist das Museum“* geantwortet, weil Museen etwas Konkretes sind, unter dem sich jede_r etwas vorstellen kann. Ernsthafte Absichten, nach dem Studium in der Museumsarbeit tätig zu werden, hatte ich lange Zeit nicht. Es war eine Antwort, die nicht falsch war und mich gleichzeitig davon befreite, ein ehrliches „Hoffentlich irgendwie Geld verdienen!“ erwidern zu müssen.

Dann kam jedoch die Zeit der Suche nach einem Platz für mein Pflichtpraktikum. Ich sah mich um, informierte mich, wog ab. Bevor ich das Museum als Arbeitsplatz ausschloss, sollte ich mir doch ein Bild davon gemacht haben? Schließlich fiel meine Wahl auf das Stadtmuseum Düren. Wenn man der Internetseite glauben konnte, gab es dort ein junges Team mit großem Gestaltungswillen und vielen Ideen. Bei nur drei Mitarbeiterinnen, so hoffte ich, gäbe es die besten Möglichkeiten, tatsächlich in alle Bereiche der Museumsarbeit eingebunden zu werden. Die Bewerbung war unkompliziert, das Vorstellungsgespräch sehr angenehm und so trat ich am 2. Januar 2018 meinen ersten Arbeitstag als Praktikantin an.

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Das Herzstück des Praktikums allerdings war für mich die Vorbereitung der Sonderausstellung „Neue Horizonte. Dürener Migrantinnen erzählen“. Das stiftungsgeförderte Projekt „Neue Horizonte“ verfolgt einen Ansatz, der kulturanthropologisch forschenden Menschen sehr bekannt vorkommen dürfte. Die Ausstellung stellt die Biografien und Geschichten von nach Düren migrierten Frauen dar und versucht, zwischen verschiedenen Gruppen der Stadtbevölkerung, zu vermitteln. Über eine Schlüsselperson im Bekanntenkreis des Museums, die sich u.a. im Integrationsrat der Stadt engagiert, konnten viele Projektteilnehmerinnen gewonnen werden. So kam schließlich ein Pool von 22 teilnehmenden Frauen zusammen, die zu Kleingruppengesprächen ins Museum kamen oder zu Hause besucht wurden. Die Bandbreite der erzählten Geschichten, die aus den Gesprächen hervorgingen, war groß. Frauen aus der ehemaligen Sowjetunion beschreiben das Gefühl der Zerrissenheit, wenn man sich in der UdSSR stets an das Deutschsein geklammert hatte, weil man deswegen unterdrückt wurde, dann aber nach Deutschland kommt und „die Russin“ ist. Drei Akademikerinnen, die politische Flüchtlinge aus der Türkei sind, berichten von den Zuständen im Land, von ihrer Flucht nach Deutschland und von ihren Gefühlen, wenn sie jetzt als Asylantinnen in einem Eifeldorf festsitzen. Es gibt aber auch heitere Geschichten, so zum Beispiel wenn eine Frau aus dem Kongo berichtet, wie sie bei ihrem Aufenthalt in einem deutschen Kloster einen Mini-Kühlschrank auf dem Zimmer hatte, in dem sie Speisen aufbewahrte, um nach dem Abendbrot noch etwas Warmes zu Abend zu essen. Das deutsche Abendbrot, ein Stückchen Weizenbrot mit Käse, war für sie völlig unzureichend als ernstzunehmende Mahlzeit. So hatte ich insgesamt den Eindruck, dass das Projekt ein dezidiert kulturanthropologisches Verständnis von menschlichem Leben und menschlicher Entscheidungsfindung präsentiert und dabei mit zahlreichen Stereotypen bricht.

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Die Museumsarbeit in Düren hat meine Sicht auf den Arbeitsplatz Museum stark zum Guten verändert. Denn wenn auch hier die chronische Unterfinanzierung ein ständiges Thema ist, so hat mir das Praktikum dennoch Hoffnung gemacht. Der Ausgleich zwischen Recherche für eigene Beiträge, Artikel, Ausstellungsteile und der Vermittlungsarbeit mit Publikum wie den Kita-Kindern oder der Presse hat mir sehr zugesagt. Wenn ich jetzt über das Museum als Arbeitsplatz spreche, ist es nicht mehr eine Antwort aus Verlegenheit, sondern ein Ziel, das ich mir tatsächlich sehr gut vorstellen kann.

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